Aufruf: Autismuskonzept

Autismusgerechte Psychiatrie jetzt konzeptionell verankern, auch in der Schweiz

Warum wir ein Autismuskonzept für Psychiatrien brauchen (Einfache Sprache) <<LINK FOLGT IN DEN NÄCHSTEN TAGEN>>

AUTISTINNEN stellt fest, dass Autistinnen und Autisten in der Schweiz in vielen Lebensbereichen Diskriminierung erfahren – etwa in Gesundheitsversorgung, Bildung und sozialen Diensten. Besonders deutlich zeigt sich dies im psychiatrischen Bereich: Fehlende autismusspezifische Strukturen führen zu höheren Belastungen, schlechteren gesundheitlichen Ergebnissen und eingeschränkter Teilhabe.

Öffentliche Debatten, Rückmeldungen von Fachpersonen und Initiativen von AUTISTINNEN – darunter die Mahnwache für Theo – haben diese Problematik sichtbar gemacht. Der drastische Verlauf von Theo in der psychiatrischen Versorgung ist kein Einzelfall, sondern verweist auf systemische Defizite im Umgang mit Autistinnen und Autisten.

Neue Herausforderungen in der medizinischen Versorgung

Studien aus Schweden zeigen, dass fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in psychiatrischer Behandlung neurodivergent ist – insbesondere mit ASS oder ADHS (Bölte et al., 2020). Dies verdeutlicht, wie verbreitet neurodivergente Bedürfnisse sind und warum eine bedarfsgerechte Versorgung Erwachsener dringend erforderlich ist.

Rund 100 000 bis 250 000 Autistinnen und Autisten in der Schweiz haben keinen gleichberechtigten Zugang zu angemessener psychiatrischer Versorgung. Sie stoßen auf erhebliche Barrieren, erhalten häufig ungünstige Behandlungserfahrungen und schlechtere gesundheitliche Ergebnisse, was das Risiko für psychische Krisen, Suizid und vorzeitige Sterblichkeit erhöht (ESCAP, 2024).

Die aktuelle Versorgung erfüllt nicht die Anforderungen der UNO‑Behindertenrechtskonvention (UN‑BRK, Art. 25): Autistinnen und Autisten haben keinen diskriminierungsfreien Zugang zu psychiatrischer Versorgung. AUTISTINNEN erachtet die bestehende Versorgung daher als unzureichend.

Fehlende Leitlinien und internationale Standards

In der Schweiz existieren bislang keine nationalen Behandlungsempfehlungen für Autistinnen und Autisten in der Gesundheitsversorgung. Zwar veröffentlichte der Bundesrat 2018 einen Bericht zu Autismus‑Spektrum‑Störungen, doch dieser legt den Schwerpunkt auf Früherkennung, Diagnostik und Frühintervention bei Kindern und Jugendlichen und behandelt die medizinische und psychiatrische Versorgung Erwachsener nur marginal (bsv.admin.ch).

Wir würdigen ausdrücklich den Beitrag des IciTSA-Teams aus Lausanne, das den Abbau von Barrieren und den verbesserten Zugang zur psychiatrischen Versorgung fokussiert. Auf internationaler Ebene bestehen fundierte Grundlagen, darunter die S3-Leitlinien aus Deutschland und Empfehlungen der ESCAP.

Die S3-Leitlinie gibt evidenzbasierte Empfehlungen zur Versorgung von Autistinnen und Autisten über die Lebensspanne – inklusive ambulant, teilstationär und stationär – und zur psychiatrischen Krisenintervention, die an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden soll.

Besonders vulnerable Settings und Krisenintervention

Autistinnen und Autisten sind besonders gefährdet in (teil-)stationären psychiatrischen und institutionellen Settings. Fehlende Anpassungen, Missverständnisse und unzureichendes Fachwissen können zu Eskalationen, Schutzdefiziten und erheblichen Belastungen führen.

Autismusgerechte Krisenintervention ist zentral: Standardverfahren berücksichtigen oft nicht die Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Stressprofile autistischer Menschen. Die S3-Leitlinie empfiehlt individuelle Krisenpläne, geschultes Personal, strukturierte Abläufe und Rückzugsmöglichkeiten, um Überforderung, Eskalationen und unnötige Zwangsmassnahmen zu vermeiden. Fehlende Anpassungen erhöhen Stress, das Risiko für Suizid und können menschenrechtswidrige Behandlungserfahrungen nach sich ziehen.

Internationale Erfahrungen und Menschenrechtsanalysen zeigen, dass längere Isolation in stationären Settings besonders schädlich sein kann, was den Handlungsbedarf für autismusgerechte Schutz- und Krisenkonzepte ohne isolierende Zwangsmassnahmen verstärkt.

Crowd-Research: Beitrag zum Autismuskonzept für Erwachsene

Wir initiieren einen Crowd-Research-Aufruf, um die Entwicklung eines Autismuskonzepts für erwachsene Patientinnen und Patienten in Psychiatrien zu unterstützen. Dabei bringen wir Fachwissen, Praxiserfahrungen und internationale Standards ein, damit die Umsetzung in der Schweiz praxisnah erfolgen kann.

Im Zentrum steht eine autismusgerechte, sichere und respektvolle psychiatrische Versorgung, die Fehl­diagnosen, Fehl­medikation, Fehlbehandlung, Missverständnisse und Frustrationen reduziert und die Zusammenarbeit zwischen Autistinnen und Autisten und Fachpersonen verbessert. Entsprechende Herausforderungen werden auch in der wissenschaftlichen Arbeit des IciTSA-Teams dokumentiert (Garcia & Roduit, 2024).

Eine verbesserte strukturelle Ausrichtung schützt nicht nur Autistinnen und Autisten, sondern kann auch Leid reduzieren, Eskalationen vermeiden und langfristig Kosten im Gesundheitswesen senken, wie internationale Studien und Erfahrungen aus der Praxis zeigen.

Zielgruppen und nächste Schritte

Der Aufruf richtet sich an Autistinnen und Autisten, Angehörige, Fachpersonen, Institutionen sowie politische Entscheidungsträgerinnen und -träger. Er versteht sich als Einladung zur fachlichen Auseinandersetzung und zur gemeinsamen Weiterentwicklung autismusgerechter Strukturen in der gesamtschweizerischen Gesundheitsversorgung.

Weitere Schritte: Geplant ist die Gründung einer Fachgesellschaft Autismus Schweiz. Fachpersonen sowie Personen, die administrativ unterstützen möchten, sind eingeladen, sich zu melden.

Expertenstimme zur Dringlichkeit

Zitat von Prof. Tony Attwood und Dr. Michelle Garnett anlässlich der Mahnwache in Brugg:

„Wir sind besorgt über die begrenzte Ausbildung sowie die begrenzte praktische klinische Erfahrung unter fachlicher Anleitung von Erwachsenenpsychiatern, Mitarbeitenden im Bereich psychische Gesundheit und der Verwaltung in Bezug auf die neuesten Forschungen, Konzepte und Behandlungsmöglichkeiten für autistische Personen. Dies kann zu unangemessener Behandlung, extremem Stress, Traumatisierungen und potenziell Suizid führen. Diese Einschätzung stützt sich auf unsere 50-jährige Spezialisierung im Bereich Autismus.“