06.01. Wichtig: Am 26.01 um 07:30 findet vor dem Gericht in Brugg eine Stille Mahnwache statt. Bitte nimm auch du teil ♥️
Autist Theo, 18, starb 2021 während eines Aufenthalts in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden.
Wir gedenken ihm und sprechen der Familie unsere Anteilnahme aus. Sein Tod hat tief erschüttert. Auf dieser Seite teilen Mitglieder stille Beiträge „in Gedenken“. Unser Dank gilt der Familie (That’s Us – Asperger verstehen), Dr. Chou (Risiken Stationär) und Humanrights.ch für ihren Einsatz, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt.
Hilf mit – teile deine eigenen Worte oder mach bei unseren Social Media Aufrufen mit (Insta – lang 02.01; Insta – kurz 29.12. in Deutsch, Englisch; Facebook).
– 02.01. Reaktion von Franziska Madlo-Thiess (LinkedIn)
– 02.01. Artikel von Evelin Meierhofer (LinkedIn)
– 02.01. Reel von Marianne (neuro_perspektiven) Instagram
– 02.01. Reel von Carina (carinasch_) Instagram
Sehr dankbar waren wir auch Martin Winkler, Ärztlicher Leiter Psychiatrie & Psychosomatik, für seine Mitteilung „Danke für das Erinnern. Ich möchte das Thema strukturelle Gewalt in der Psychiatrie gerade gegenüber Autisten 2026 stärker in den Mittelpunkt stellen.. Fürchterlich, was da passiert ist. Aber das Problem geht weit über den tragischen Tod hinaus.“
Weiterführende Informationen finden sich auf humanrights.ch sowie auf unserer Webseite unter „Fachliche Unterstützung“, einschließlich Vorschlägen für autismusfreundliche stationäre Konzepte.
Ende Mai 2025 hat die Staatsanwaltschaft zwei von Theos damaligen Ärzten angeklagt. Wer den Prozess vor Ort mitverfolgen möchte, kann sich noch bis zum 15.01. beim Gericht anmelden.


Bilder: wandamirjana.ch
„Das hätte mein Kind sein können.“ – Anita S.

Theo & Hilfe
Ich wünsche mir sehr, dass der Tod von Theo nicht einfach so vergessen und verdrängt wird, sondern dass sein Todestag ein Mahnmal wird, das alle dafür verantwortlichen Institutionen daran erinnert, wie ein so schreckliches Ereignis als Inbegriff von Unmenschlichkeit und Ignoranz hat passieren können, und zu einem nachhaltigen Umdenken führt: dass Wissen über Autismus an Hochschulen, in Therapieweiterbildungen und in Kliniken endlich einen festen Stellenwert bekommt und nicht weiter ignoriert werden kann.
Adrian K.

Theo wusste, wie heilsam es ist, sich frei in der Natur zu bewegen. Wieso sperrte man ihn ein?
Ein solcher Fall darf sich nicht wiederholen. Er rüttelt uns auf. Noch liegt ein langer Weg vor uns, damit Neurodiversität und Gleichstellung in der Realität zu dem werden, was sie sind: ein Menschenrecht. Dafür werde ich mich auch 2026 engagieren.
Richard Zemp




Claudia R. (autismusinfo.com)
Das tragische Schicksal von Theo ist eine Folge von Missständen, wie sie in vielen psychiatrischen Anstalten leider immer noch vorkommen. Die zwangsweise Unterbringung im Isolationszimmer — in diesem Fall länger als Einzelhaft im Gefängnis zulässig — und dass nicht eingegriffen wurde bei mehreren vom Personal beobachteten Selbstmordversuchen, wiegt schwer. Die angespannte, schwierige Personalsituation in den meisten stationären Psychiatrien und unzureichendes Wissen über Autismus kann diese Missstände nur teilweise erklären, zeigt aber, wo etwas verbessert werden sollte. Es ist mindestens zu hoffen, dass dieser Fall den Anstoß zu Verbesserungen in der Psychiatrie gibt: Mehr Ernstnehmen und Behandlung auf Augenhöhe statt Zwang wäre der Ansatz. Es ist traurig, dass Menschen sterben mussten, um gehört zu werden. Wir müssen wachsam bleiben, damit solche Tragödien in „Genesungseinrichtungen“ möglichst nicht mehr vorkommen!
Thomas H.

Kathrin Hui Gregorovic, @kathrin_huig
Für einen guten Umgang mit Autist*innen (so, dass sich beide Seiten nicht reiben und stressen) braucht es ein Bewusstsein für diese spezielle Klientel. Schulungen. Workshops. Was auch immer hilft.
Und ich glaube, dass das in den allermeisten Institutionen in der Schweiz bisher noch nicht einmal ansatzweise passiert ist.
Es gab ja zum Beispiel auch den völlig vermeidbaren Todesfall eines Autisten in Königsfelden. Einfach, weil man sich ihm gegenüber unfassbar falsch verhalten hat.
Und weisst du — es ist ja nicht so, als wäre Autismus sooo exotisch.
Aber die Gesellschaft ist trotzdem noch nicht bereit für uns.
Immerhin können wir uns im Alltag manchmal ein Stück weit aus der Gesellschaft zurückziehen. Aber in einer Klinik bist du einfach ausgeliefert — und im dümmsten Fall den schlimmsten Entwicklungen schutzlos ausgesetzt.
Lukas B.

Welche psychischen und körperlichen Spuren hinterlässt ein langfristiger Aufenthalt in einem derartigen Raum? Zu Beginn könnte Theo noch der linken Figur ähneln – introvertiert, melancholisch, in sich zurückgezogen, im Zustand des Ausharrens. Mit der Zeit jedoch nahm er womöglich die Züge der rechten an: abgemagert, kraftlos, als hätte ihn jede innere Lebendigkeit verlassen. Die Isolation hatte nicht nur einen psychischen, sondern auch einen physischen Abbauprozess begünstigt.
Die Frage nach Widerstand oder Anpassung bleibt offen: Die räumliche Enge, die karge Umgebung und das fehlende Gegenüber verweisen auf einen Zustand, in dem menschliche Würde schrittweise zerfällt. Ob diese Verwandlung als Anpassung an extreme Bedingungen oder als Folge institutionellen Zwangs zu lesen ist, bleibt offen – deutlich wird jedoch ein Prozess der Entkräftung, der im menschenrechtlichen Kontext als Ausdruck struktureller Entmenschlichung verstanden werden muss.
Text: Sophie, Bild: wandamirjana.ch

Als hochfunktionale Autistin erschüttert mich Theos Schicksal nicht nur bis in die Knochen, es weckt in mir eine Hilflosigkeit und gleichzeitig eine rasende Wut über diese abartig krasse Ungerechtigkeit gegenüber andersartigen Wesen in unseren Gesundheitsinstitutionen. Orte, an denen wir uns doch alle sicher und aufgehoben fühlen und Hilfe in der grössten Not erhalten sollten!?
Ich selbst habe unter anderem eine Borderline-Störung entwickelt, weil meine Umgebung sowie das Gesundheitssystem meinen Autismus weder erkannt noch ernst genommen haben, bis ich endlich eine offizielle Diagnose von einer Ärztin erhalten habe, die selbst im Spektrum ist. Noch heute kämpfe ich darum, gehört und angemessen behandelt zu werden.
Meine Gedanken zum Systemversagen in Theos Fall:
Uns Neurodivergente gab es schon immer, und ich bin der Meinung, dass wir in vielen Fällen wandelnde Trigger und Projektionsflächen waren und sind – aufgrund unserer andersartigen Wahrnehmung der Welt. Weil gerade hochfunktionale Autisten, so wie vermutlich auch Theo, Wahnsinn und Genie in sich vereinen können, fällt es anderen „normal funktionsfähigen Menschen“ schwer, diese Andersartigkeit einzuordnen. Das kann zu Irritation, zur Konfrontation mit eigenen unangenehmen Gefühlen wie z.B. Scham, Schuld und unbewussten Bedürfnissen und folglich zu massloser Überforderung führen. Ich spekuliere, dass es sich in etwa so abgespielt haben könnte, weil sich das Personal und die Ärzte so unglaublich unprofessionell verhalten haben, dass letztlich nur noch Isolation als „Lösung“ des „Problems“ gesehen wurde.
Ich als selbst Betroffene kann verstehen, dass wir schwer zu verstehen sind, dass wir unberechenbar, intensiv, schwierig zu handhaben und nervenaufreibend sein können. Ich verstehe, dass Menschen überfordert und hilflos sind. Was ich nicht verstehe, ist, dass Ärzte von sich auf andere schliessen und sich kaum mit den Diagnosen ihrer Patienten beschäftigen.
Wissen und Bildung fehlen definitiv in unserem Gesundheitssystem – ebenso die demütige Offenheit, anders funktionierende Menschen WIRKLICH verstehen zu WOLLEN. Täglich mit eigenen Augen zu sehen, wie ein junger Mensch offensichtlich Suizid begeht, ohne einzugreifen, übertrifft alles, was ich mir an Grausamkeit in einem solchen Szenario ausmalen kann. Ich hoffe zutiefst, dass die verantwortlichen Ärzte und die involvierten Betreuungspersonen in diesem Fall zur Verantwortung gezogen werden. So etwas DARF nie wieder passieren.
Ich bin tieftraurig und wünsche den Angehörigen von Theo viel Kraft für den Prozess und alles erdenklich Liebe.
Anne R.
Thomas S. „Er verlässt das Spital und betritt die Natur“. Song: Carly Simon – Life Is Eternal
Sophie, als Reaktion auf den Aargauer Zeitung’s Artikel zur PDAG „Darum kommt die Aargauer Psychiatrie bei einigen Patienten schlecht weg„
Viele unserer Mitglieder berichten von zutiefst verstörenden und retraumatisierenden Erfahrungen während stationärer Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken. Isolation, entwürdigende Sprache, Missachtung autismusbezogener Bedürfnisse sowie das Ignorieren vorhandener Diagnosen gehören zu den häufig geschilderten Erlebnissen. Zahlreiche Betroffene entwickeln in der Folge schwere psychische Langzeitschäden – soziale Ängste, massives Misstrauen gegenüber Hilfssystemen oder völlige Rückzüge aus dem Alltag. Gerade für autistische Menschen, für die soziale Interaktion ohnehin belastend sein kann, führen solche Erfahrungen zu einer weiteren Destabilisierung.
Dass wir im Jahr 2025 noch immer mit solchen Schilderungen konfrontiert sind – sieben Jahre nach Verabschiedung der nationalen Autismusstrategie – ist ein alarmierendes Zeichen des strukturellen Versagens. Das Top-Prioritätenpapier der Behindertenkonferenz Zürich (BKZ) zur Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention hält zu Recht fest, dass das Recht auf Gesundheit (Art. 25), der Schutz der Unversehrtheit der Person (Art. 17) und das Recht auf Leben (Art. 10) für Menschen mit Behinderung in der Praxis nicht immer gewährleistet sind.
«Bei Personen aus dem Autismus-Spektrum etwa, welche bei Begleit- oder Sekundärerkrankungen in Kliniken eingewiesen werden, können massive Eingriffe, Falschmedikationen, Überdosierungen und Traumatisierungen nicht ausgeschlossen werden.»
Diese Einschätzung bestätigt auch Dr. med. N. Chou-Knecht, Co-Präsidentin FAPDA Schweiz, in ihrem Fachbeitrag: Die strukturellen Schwächen in der stationären Versorgung von Autist*innen seien gravierend – von unzureichender Spezialisierung über fehlende Schulung in Diagnostik und Begleitung bis hin zu Gewalterfahrungen wie Isolation, medikamentöser Sedierung oder freiheitsbeschränkenden Massnahmen. Solche Zustände seien laut Chou-Knecht keine Einzelfälle, sondern Ausdruck einer grossen Dunkelziffer systemischer Fehlbehandlung.
Wir fordern deshalb konkret:
• Verbindliche Guidelines für den Umgang mit Autist*innen im stationären Setting
• verpflichtende Schulungen für psychiatrisches und pflegerisches Fachpersonal
• sowie eine transparente Fehlerkultur, die Verantwortung übernimmt und strukturelle Missstände nicht weiter verschweigt.
Fehlbehandlungen, Re-Traumatisierungen und falsche Diagnosen zerstören nicht nur Leben – sie verursachen auch hohe Kosten für das Gesundheits- und Sozialsystem. Es braucht endlich den politischen Willen, die Autismusstrategie ernsthaft umzusetzen und Menschenrechte auch im stationären Setting durchzusetzen.
Seit ihr den Begriff „strukturelle Behinderung“ eingeführt habt, verwende ich ihn ebenfalls. Ich gehe offen mit meiner ASS um – für mich ist es ähnlich, wie wenn jemand sagt: „Ich komme aus Italien – darum kenne ich mich mit gutem Olivenöl aus.“
Bei mir heisst das z. B.: Ich bin Autistin – darum nehme ich Details sehr genau wahr. Einmal entdeckte ich in einem eleganten Möbelgeschäft einen Fleck auf einer Glasfläche. Der Mitarbeitende war dankbar, weil ihnen das entgangen war. Oder bei der SBB zeige ich meine Autismus-Karte, damit klar ist, warum ich die Kopfhörer nicht abnehme – nicht aus Unfreundlichkeit, sondern aus Überforderung.
Was mir jedoch grosse Sorgen macht, ist nicht „der Alltag mit NT-Menschen“ – denn viele reagieren freundlich und verständnisvoll –, sondern der medizinische Bereich. Was Autist*innen dort teilweise erleben, auch stationär, ist oft geprägt von Missverständnissen, Abwertung und mangelnder Offenheit. Ich habe das selbst mehrfach erlebt – verbunden mit Ohnmacht und Verzweiflung.
Als ich eine ASS-Spezialistin fragte, was mich in Zukunft davor schützen könne, sagte sie: „Die Diagnose – das offizielle Papier.“ Und doch erlebte ich später erneut Unverständnis und sogar Zweifel an der Diagnose im Klinik-Setting. Ich traf auf Menschen, die kaum beweglich im Denken wirkten – statt zuzuhören, wurde mir vorgeworfen, ich wolle „dominieren“. Gleichzeitig heisst es andernorts: „Der Patient ist Expert*in für die eigene Situation.“ Dieser Widerspruch war schwer auszuhalten.
Theo letzte Wochen erinnern uns schmerzhaft daran, wie existenziell wichtig Verständnis, Respekt und Zuhören sind. Sein Tod ist ein Verlust – und ein Auftrag, Strukturen zu verändern, damit Autist*innen sicher und würdevoll behandelt werden.
– Trevor P.



Claudia R. (autismusinfo.com)