Unser Autismus

Seite im Aufbau und bessere Titelvorschläge können gerne mitgeteilt werden 😉

Ich sehe meinen Autismus als ein special Feature. In manchen Punkten ist er eine regelrechte Superkraft, in anderen Punkten ist er mir eine Last. Einige Eigenheiten sind lustig, aber mitunter für mein Leben kein bisschen nützlich. Zu meinen Superkräften gehören eine Hochbegabung im mathematisch-analytischen Bereich, eine sehr ausgeprägte intensive Geschmacks- und Geruchswahrnehmung führt dazu, dass ich zum einen verdorbene Lebensmittel von weitem schon rieche, zum anderen ist es die Grundlage für mein AFRID – eine Essstörung, welche eine Last ist und mich schon oft in schwierige Situationen gebracht und mich zum Ziel für Mobbing gemacht hat. Zu den lustigen Features gehört meine Detailwahrnehmung, besonders in Bezug auf Muster, dies macht mich zu einer ausserordentlich guten Match-3-Handygame-Spielerin – völlig unnütz daher, da man damit absolut kein Geld verdienen kann.
Dank meiner guten kognitiven Fähigkeiten habe ich gelernt, mich sehr erfolgreich anzupassen – bloss bräuchte ich mal langsam einen neuen Akku, denn seit ich über 40 bin, läuft mir dieser aufgrund des Energieverbrauchs fürs Anpassen total schnell leer. Alles in allem bin ich mit meinem Autismus gut ausgesöhnt, da mir meine Superkräfte so gut gefallen, dass ich sie auch dann nicht hergeben würde, wenn ich dafür all die schwierigen Aspekte loswerden könnte.

Von Lena

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Wie würde ich meinen Autismus beschreiben: Sehr spät erkannt, noch später die Diagnose. Ich lerne mich jetzt erst kennen, da ich beides habe, ADHS und ASS. Ich lerne mich rückblickend verstehen, das ganze Leben, was irgendwie nicht stimmig war, ich der Fehler. Nun weiss ich, ich bin nicht der Fehler, das andere System ist, wenn schon, der Fehler, und ich will lernen, ich zu sein, meine verschiedenen Seiten freundlich wahrnehmen und der Umwelt zeigen, ich bin wie ich bin, anders, aber auch nicht verkehrt.

Von Anette

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Also am besten kann ich es mündlich erzählen, doch ich versuche es schriftlich festzuhalten. Ich separiere es in zwei Lager. Einmal in eine generelle Beobachtung von aussen betrachtet und in eine persönliche Beobachtung.

Von aussen:
Autismus ist wie das Licht. Je nach Situation und Umgebung kann man sehr schnell sein oder sehr langsam sein. Es gibt Autismus in allen Farben und es gibt nicht „den Autismus“. Autismus ist eine situative Entwicklungsstörung und kann nicht geheilt werden. Aber man kann sich verbessern. Autismus ist kein ausserirdisches Gen. Man ist anders als andere, ja. Aber das liegt auch meist daran, dass wir uns kritischer wahrnehmen, als es NTs tun. Wir sind unterschiedlich und haben verschiedene Aspekte. In einigen Dingen haben wir keine Furcht, und in anderen sind wir hochsensibel. Jeder Autist ist ein Mensch, so wie alle anderen. Einige mehr, andere weniger. Auch bei der Kommunikation haben wir es alle schwer. Einige benutzen Sprache als Werkzeug, andere nur, um etwas zu sagen. Aber Abkapselung ist leichter, als zu verstehen, dass wir alle auf der gleichen Welt leben und mit den gleichen Regeln der Welt zu kämpfen haben.

Persönlich:
Mein Autismus ist mein Autismus. Keine Ahnung, wie man seinen eigenen Autismus erklären soll. Ich finde es bis zum heutigen Tag immer noch schwierig, das wie separat zu erklären. Er ist ein Teil von mir. Er ist ich. Und ich bin mein Autismus. Also: Ich bin oft gegenüber neuen Menschen eher zurückgezogen, wirke meist eher introvertiert auf unbekannte Menschen und bin bei Menschen, denen ich vertraue, sehr extrovertiert. Ich liebe es zu philosophieren und über alles Mögliche zu reden. Ich liebe es, über Gesellschaftliches kritisch zu reden oder mich über Politik auszutauschen. Ich bin gerne unter Menschen, die ich leiden kann, und mache gerne, so oft es geht, mit diesen irgendwelche gemeinsamen Sachen ab. Ja, ich könnte wahrscheinlich noch so vieles mehr von mir erzählen. Aber ich denke, das reicht jetzt mal von meinem Autismus. 🤓

Von Alexander D.

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Es ist, wie wenn man auf einem fremden Planeten ist, und niemand spricht deine Sprache. Du passt dich gezwungenermassen an, um zu überleben, verstehst aber vieles nicht so richtig. Das nehmen auch andere wahr: dass du nicht verstehst, und dadurch wirkst du auf sie begriffsstutzig, ja, in mancher Augen sogar ‚dumm‘ – und genau das vermitteln sie dir auch.

Du denkst: «So ist das halt für alle.» Aber du siehst, dass du nicht mithalten kannst, nicht so viel leisten kannst wie andere. Also probierst du, mehr zu machen, und gerätst dadurch in eine Erschöpfungsdepression.

Du merkst, dass du – an neurotypischen Massstäben gemessen – ungenügend bist. Dir wird so lange gesagt, das sei normal, alle hätten es manchmal schwer, bis du es selbst glaubst. Dir wird vermittelt, dass du zu unangepasst bist. Irgendwann gibst du auf.

Aber dann, eines Tages, triffst du erst eine, dann mehrere Personen, die deine Sprache sprechen. Und auch Menschen der «anderen, neurotypischen Gattung», die an deiner Sprache interessiert oder offen dafür sind. Du bist zwar erfreut, aber auch überfordert in diesem Moment.

Es heisst nämlich, es wäre auch viel früher möglich gewesen. Und so viel Abwertung dir gegenüber, von aussen und von dir selbst, wäre gar nicht nötig gewesen.

Von Sophie