Die folgenden Zitate und Sätze geben Einblicke in die Erfahrungen unserer Gruppenmitglieder. Wir haben sie mit ihrer Erlaubnis veröffentlicht, damit ihre Stimmen gehört werden.
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Und ja, das ist absolut der Grund und mein Interesse dafür. Ich glaube fest daran, dass eine bessere Vernetzung alles besser macht, sei es in der Forschung mit ‚Zivilisten‘ oder eben auch allgemein in der interdisziplinären und inklusiven Zusammenarbeit. Niemand ist eine Insel.
… die Welt glitzert jetzt! (durch Autismus Communities).
Von Nicole W., im Zusammenhang mit der Vernetzung von Autist*innen
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Schweregrad-ASS-Sätze, die ich mir selbst aufsage:
- Meine Identitäten führen zu vielen, hauptsächlich unsichtbaren Herausforderungen in den alltäglichen Fähigkeiten.
- Ich nehme ernst, dass dies eine schwierige Kombination ist.
- Ich weiss, dass die Ursache dieser Schwierigkeiten (z. B. das Gefühl, nicht genug zu sein) strukturelle Diskriminierung ist und kein Fehler meinerseits.
- Ich bin dankbar für die Hilfen, die ich bekomme.
- Ich trage zu einer besseren Zukunft bei.
Die letzten zwei hauptsächlich, um auf einer positiven Note aufzuhören.
PS: Ich nenne diese Vorlage übrigens Diversitäts-Herausforderungs-Bewusstsein. Es kommt vor, dass ich diesen Aussagen nicht ganz glauben kann. Dann schaue ich die zweite Seite dieser Vorlage an, wo ich zu jedem Punkt konkrete Beweisüberlegungen aufgeschrieben habe.
Von Franziska, im Zusammenhang mit ihrem A+ Webinar ‚Franziska’s Vorlagen‘ – Franziska’s Seite: https://fmenti.github.io/de/autism/
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Das Dasein als Autist hat mich schliesslich gerettet, denn ich konnte die Bedürfnisse von meinem Körper gänzlich abschalten, womit ich keinen Hunger, Durst, Schmerz oder Müdigkeit verspürt habe.
Von Tom – Tom’s Projekt „Uneinsam„. Hier auch sein Buch (auch als Audio) – Feedback gerne direkt an ihn.
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Ich habe die Perspektiven als Elternteil und Fachperson. Für ein tieferes Verständnis bin ich auf den Austausch mit Selbstbetroffenen angewiesen. Viele meiner Freund*innen sind im Spektrum und ich profitiere von ihnen am meisten für meine Kinder und die Beratung von Eltern und Fachpersonen.
Ich behaupte, dass ich zweisprachig bin NT und ND, wenn auch nicht native im ND Bereich. Ich lerne sehr viel und verbessere so meine Zweitsprache stetig. Darum schätze ich den Chat sehr.
Vorallem weiblich sozialisierte Personen haben oft enormes Wissen zu Sozialverhalten/Masking/sensorischem Management etc.
Wenn ich dieses Wissen an Eltern und Fachpersonen herantragen kann, wird die Welt etwas ND-freundlicher.
Von Debbie Selinger, Verantwortliche Heilpädagogik und Autismus
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Meltdowns sind eher nach aussen gerichtet, allerdings auch nicht immer.
Shutdown ist genau das, mein Betriebssystem fährt runter. Lag öfter bewegungsunfähig im Flur. Bin dann nonverbal. Aussenstehende meinen dann immer Depression, weil ich komplett leer bin, gefühlsmässig überhaupt. Wenn ich dann denke, ja, die haben recht, wird es noch schlimmer. Ich wurde trainiert wie ein Duracell-Hase weiterzulaufen, bis die Batterie leer ist und ich umfalle, Beine hören dann mitten im Laufen auf.
Weil ich auf meine Familie gehört habe: „Du musst dich einfach mehr bewegen, das ist nur, weil du dich nicht genug bewegt hast…“ Auf mich selber zu hören, zu merken, wenn es zu viel wird, da bin ich absoluter Beginner, deswegen Shutdown und Burnout konstante Begleiter…
Von Jule, in der Gruppe ‚Zusammenbrüche‘
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Ich habe so viele von diesen Triggern, die so ein Gefühl auslösen (Trauma). Es wird oft dann alles sehr unreal, habe Tinnitus, habe mich dann nicht mehr richtig selbst unter Kontrolle, z. B. das, was ich sage. Alles läuft in der Situation wie automatisch, so dass es den geringsten Widerstand gibt. Bin oft in einem „Angst davor, was kommen könnte“-Modus. Alles probieren so gut wie möglich zu machen, damit ja nichts passieren kann. Das überfordert mich auch oft, und ohne Hilfe verzweifle ich immer wieder. Früher hielt ich das nicht aus, lenkte mich ab, um zu vergessen, mit Alkohol und Drogen. Jetzt verstehe ich es besser und spüre, was passiert. Kann mich selbst beruhigen und weiss, wo ich Hilfe bekomme. Kann mir auch viel besser selber helfen, mit Achtsamkeitsübungen, Bewegung in der Natur, alles aufschreiben, Lavendel-Öl-Kapseln usw.
Von Markus, in der Gruppe ‚Zusammenbrüche‘
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Es war wieder mein erster Impuls, läuft leider automatisiert ab (Grundannahmen etc.) → „Ich habe es nicht verdient/mich würdig erwiesen, und es geschieht mir recht und ist verständlich, wenn ich deswegen ausgeschlossen werde. Ich gehe lieber gleich selbst und erspare den anderen die Arbeit und mir den Schmerz des Abgelehntwerdens.“
Habe erst in den letzten Tagen wirklich verstanden, was da bei mir jeweils abläuft und dass ich dann nicht objektiv bin und die Realität gar nicht so wahrnehme, wie sie ist.
Von Lumi, im Austausch zu Fragen zu den Gruppen
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Bevor ich begann, in meine ASS-Gruppe zu gehen, war ich einfach Planet Lukas. Seither fühle ich mich aber zugehörig zu etwas. Und ich lerne dieses Etwas allmählich kennen. Die WhatsApp-Gruppe ist eine organische Fortsetzung dieses Prozesses.
Primär interessiert mich das Zusammenkommen. Nicht soo sehr ASS per se. Für mich ist die Person spannend.
Ihre Geschichte, Alltagsanekdoten, Struggles + ihr Umgang damit, Siegesmomente. Dann auch ihre Perspektiven. Ihre Wünsche und Ziele. Ihre Bedürfnisse. Und und und. Ich finde es so bereichernd und spannend (mega!), Menschen meiner Spezies entdecken zu dürfen (im Sinne von progressiv kennenlernen, immer ein bisschen mehr).
Von Lukas B., als Feedback zur AUTISTINNEN+ Community
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Es gibt viele Stellen, wo Autismus und nicht auf Autismus abgestimmte Sexualaufklärung eine Rolle spielen können.
Für mich persönlich: Ich kann mich tatsächlich nicht immer mündlich ausdrücken, oder dies kostet viel Energie. Mit der Zeit habe ich einen Mechanismus entwickelt, bei dem ich automatisch die Antwort gebe, die am wenigsten Folgefragen nach sich zieht, ohne dass diese Antwort meinen Willen widerspiegelt. Ich merke dies manchmal sofort und manchmal erst nachher, wenn ich in Ruhe alles verarbeiten kann.
Ich verarbeite Informationen verzögert, dafür ist bei Intimitäten nicht immer Zeit oder Verständnis. Dass jemand beim Küssen sagt: „Warte, jetzt brauche ich eine halbe Stunde alleine, um zu schauen, was ich noch weiter möchte“, ist nicht sehr verbreitet und kommt in keinem der Bücher, Filme oder Aufklärungen, die ich hatte, je vor. Trotzdem laufe ich häufig mit der Verarbeitung hinterher und müsste deshalb eine Pause einbauen, damit ich mich bewusst entscheiden kann. Dass solche Situationen normal sind und spezifische Skripts, wie man damit umgehen kann, Autist:innen aber nicht gelernt werden, ist problematisch.
Körper- und Emotionswahrnehmung können anders sein, und wenn man sich noch nicht bewusst damit auseinandergesetzt hat oder noch nicht weiss, dass man im Spektrum ist, lässt man sich sehr einfach einreden: „Dies ist die normale Art, sich hierbei zu fühlen.“ Man kennt das ja aus anderen Situationen: „Deine Wahrnehmung ist übertrieben, schau, die anderen machen auch nicht so ein Theater.“
Umgang mit Lügen und die Erwartung, dass andere immer die Wahrheit sagen, kann einen in schwierige Situationen bringen. Auch Gefahren rechtzeitig zu erkennen, kann schwierig sein, da man viele sensorische Reize verarbeiten muss und Gefahr sehr kontextabhängig ist.
Einfach die Aufklärung „Nein zu sagen“ reicht für viele Autist:innen nicht aus. Man muss spezifische Szenarios kennen, mit den obenstehenden Situationen und genügend Details.
Von Sara, Antwort auf eine Frage in der AUTISTINNEN Community
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Ja, geht mir auch so. Unter anderem deswegen gehe ich bis auf Weiteres nicht mehr arbeiten. Arbeit und Lebensqualität gehen bei mir fast gar nicht zusammen. Es gibt entweder das eine oder das andere. Es wäre theoretisch möglich, aber den für mich perfekten Arbeitsplatz zu finden, ist sehr schwierig. Momentan hat das aber keine Priorität, da zuerst Stabilität da sein muss.
Von Markus, in der Gruppe ‚Somatik, Multimorbidität‘
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➡️ Genau dies beoachten wir bei Autismus auch:
Fachpersonen (FP) sagen immer wieder, wie toll sie das finden, was sie von trans Personen alles gelernt haben. Faktisch heißt das wahrscheinlich oft, dass die trans Personen den FP viele Dinge erklären mussten in Therapiesitzungen, die sie aber bezahlt haben. Das fand ich immer recht krass und hat mich entsprechend aufgeregt, weil die FP zum Teil viele Wissenslücken haben – vor allem im Zwischenmenschlichen, was aber sehr relevant ist, da es für die Sicherheit des Raumes wichtig ist. Grundsätzlich ist es ja auch okay, wenn Fachpersonen sich in Formaten wie «Living Library» so weiterbilden. Das Problem ist aber immer, dass es oft für trans Personen keinen finanziellen Ausgleich gibt und diese das nur machen, weil die Situation so schlecht für sie ist.
Von E., im Austausch zu einer möglichen online Trialog-Veranstaltung
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Bäume, Tiere, Menschen
Ich möchte nicht ’so ein Quatsch‘ antworten, vermisse aber eine neutrale Antwortmöglichkeit für ich mag weder Bäume noch Tiere lieber als Menschen.
Ich bin gern in der Natur. Ich habe aber keinen besonderen band zu Bäume noch Tiere. Viel Tierverhalten ist für mich unvorhersehbar weil ich nicht sehr viel Umgang mit Tiere habe. Dies wurde früher als ‚Angst vor Tiere‘ ausgelegt. Wenn ich ein Tier kennenlerne verschwindet das unvorhersehbare und klappt es gut.
Ich habe auch gern Menschen. Ich interessiere mich für soziale und interkulturelle Themen. Es gibt natürlich menschliches Verhalten dass sehr energieraubend und schwierig ist für mich, es gibt aber auch Menschen die viel weniger solches verhalten haben als anderen.
Obwohl ich der Kontakt mit Natur, Tiere und Menschen schätze, schöpfe ich vor allem aus Kreativität, also das kreieren in verschiedensten Formen Energie.
Die einseitige Darstellung dass Autist:innen immer besser mit Tiere können hat mich am Anfang sehr verunsichert. Ein bisschen so wie es die Darstellung, Autist:innen sind gut mit Math/Computer für anderen tut.
Von Sara, Antwort auf eine Umfrage in der AUTISTINNEN Community