INTERVIEW – autistinnen.ch | Behindertensession 2026
(AUTISTINNEN überbrückt den Röschtigraben: Interview auch auf französisch)
Zwei Sprachregionen, eine Überzeugung – Neurodivergente Menschen müssen sich selbst vertreten.
Artemis PPSM aus dem Wallis und Thomas Haller aus dem Thurgau kandidieren für die Behindertensession 2026. Beide sind ausgebildete Peers – Menschen mit eigener Betroffenheitserfahrung, die ihr Wissen professionell einsetzen.AUTISTINNEN.ch hat sie gemeinsam befragt.
Die Wahl läuft bis 17. Mai, 3 Stimmen pro Person, kantonsübergreifend möglich. Die Behindertensession 2026: 44 gewählte Menschen mit Behinderungen tagen am 21. Oktober im Bundeshaus – eine Initiative von Pro Infirmis und Forum 22, auf Einladung von Nationalratspräsident Pierre-André Page.
Liebe Artemis, Lieber Thomas – Wann habt ihr gemerkt: Ich muss kandidieren?
Artemis Christoff: Ich habe es nach und nach gemerkt – neurodivergente Menschen müssen ihr Umfeld immer wieder von Neuem aufklären. Bedürfnisse erklären, Besonderheiten erklären, oft genau dann, wenn es am schwersten fällt. Im Spital zum Beispiel: erklären müssen, wie ich kommuniziere, wie man mich behandeln kann – obwohl das für mich bereits eine der anspruchsvollsten Umgebungen überhaupt ist. Wir können das nicht alleine tragen. Es braucht Repräsentation, echte Bildung – und ich habe verstanden, dass ich dazu etwas beitragen kann, auch als Ausbildnerin.
Thomas Haller: Ich habe mich entschieden zu kandidieren, nachdem ich mich als Redner für die inclusion360-Demonstration beworben hatte. Dabei wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, dass wir mit unserer unsichtbaren Behinderung sichtbar werden.
Ihr habt euch an der Mahnwache für Theo in Brugg kennengelernt – was hat dieser Moment für euch bedeutet?
Artemis: Es hat mich bewegt zu sehen, dass es auch jenseits des Röstigrabens neurodivergente Peers gibt, die dasselbe tun. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache – und verstehen uns trotzdem mit wenigen Worten, weil wir aus demselben Grund dort waren. Wir sind die Expert*innen unserer eigenen Neurodivergenz und unserer Bedürfnisse.
Thomas: Es hat mich sehr gefreut, Artemis als engagierte neurodivergente Person kennenzulernen, die sich für eine Ausbildung zur Peer-Praktikerin entschieden hat. Es war spannend zu hören, wo die Unterschiede in unseren Ausbildungswegen liegen.
Mahnwache für Theo.ch: Autistische Menschen brauchen besseren Schutz in der Psychiatrie. Bereits 1’487 Unterzeichnende – erreichen wir 1’500?
Neurodivergente Menschen verstehen sich oft ohne viele Worte – habt ihr das miteinander erlebt?
Artemis: Ja – mit ein bisschen Übersetzungshilfe, aber Sprache war wirklich nur Nebensache. In anderen Kontexten ist sie oft die grösste Hürde. Mit Thomas braucht es einen Übersetzer – das reicht. Viel schwerer zu überwinden sind die Barrieren zwischen neurodivergenten Menschen und Strukturen, die nicht für uns gemacht sind.
Thomas: Autistische Menschen zeigen oft eine andere Art von Empathie – viele von uns nehmen Dinge sehr intensiv wahr. Zusammenkommen kann viel Kraft kosten – aber gemeinsam verändern wir etwas.
Was fehlt im Alltag autistischer Menschen am meisten?
Artemis: Das fehlende Wissen – und die falschen Bilder, die kursieren. Unsere Behinderung ist unsichtbar, wird oft verdeckt, und deshalb nicht ernst genommen. Wenn ich sage, dass ich neurodivergent bin, wissen die meisten nicht, was sie damit anfangen sollen – selbst wenn sie es gut meinen. Wir werden ständig aufgefordert, uns anzupassen. Als würde man jemandem im Rollstuhl sagen, fünf Treppenstufen seien doch kein Problem.
Thomas: Es fehlt grundsätzlich an Anlaufstellen in einer Krise. Wer in der Psychiatrie auf Unverständnis stösst, erlebt dort erst recht eine Eskalation – und das kann nicht das Ziel sein.
Was gibt euch Kraft, wenn das Engagement schwierig wird?
Artemis: Zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Ich bin Peer-Fachperson im Bereich Mental Health – das hat seinen Grund. (Peers sind Menschen mit eigener Betroffenheitserfahrung, die ihr Wissen professionell einsetzen.) Erst durch Begegnungen mit Menschen wie Thomas habe ich gelernt, mit meinen eigenen Schwierigkeiten umzugehen – und andere Formen der Unterstützung anzunehmen. Wir sind viele, die dieselben Dinge erleben. Die Lösungen, die wir einbringen können, sind oft einfach und wirksam. Das gibt mir Kraft, weiterzumachen.
Thomas: In den Gruppen für Autist*innen, in denen ich regelmässig bin, höre ich immer wieder von schwierigen Situationen in der Psychiatrie. Das macht mich wütend – und diese Wut gibt mir den Antrieb, mich zu engagieren.
Wir wünschen Artemis und Thomas alles, alles Gute – wir sind überzeugt, dass sie neurodivergente Menschen in der Schweiz stark vertreten werden. Unsere weitere Wahlempfehlung ist Simone Tuena-Küpfer !!!
